May 20

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Peter Pannke über Träume, afrikanische Wahrsager & Fraktale

Am Abend vor unserem Rückflug suchten wir noch einmal das Hotel am Stadtrand von Bamako auf, in dem mir im Traum die beiden Äffchen erschienen waren, die mich auf die Reise nach Mali geschickt hatten. Der Besitzer, Dr. Mamadou Simaga, sei ein großer Kenner der afrikanischen Traditionen, hatte uns jemand erzählt, er könne uns sicher etwas vom Geist Afrikas vermitteln. Als ich ihm von meinem Traum erzählte, brach er in fröhliches Lachen aus.

Kein Wunder! rief er aus. Jeder, der hierher kommt, hat einen Traum! Das ganze Hotel beruht auf einem Traum. Es hat nie einen Architekten gesehen- ich habe das alles selber geträumt, und dann habe ich mich morgens hingesetzt und alles aufgezeichnet. Alles wurde nach meinen Entwürfen gebaut, es gibt hier nichts, was ich nicht selbst entworfen hätte! Sogar die Farben habe ich selber hergestellt, genauso, wie ich sie im Traum erblickt habe.
Ich bin zwar der Besitzer dieses Hotels, aber für mich ist es in erster Linie die Residenz eines Dschinn,
erklärte er uns. Wir Afrikaner glauben, daß jeder Mensch von einem Dschinn begleitet wird, einem Geist, der ihm Orientierung gibt. Der Dschinn der hier residiert, ist der Enkel des uralten Geistes Chamorus, der schon dem Propheten Mohammed beigestanden hat. Vor nicht allzu langer Zeit ist seine Tochter Maimouna zur Königin aller Dschinn von Schwarzafrika geworden. Sie wohnt ganz in der Nähe, etwa fünf Kilometer entfernt. Ihr Sohn wurde hier geboren, und das ist der Grund, warum hier dieses Hotel zu einem spirituellen Zentrum wurde. Viele Marabouts kommen hierher, um sich zurückzuziehen und ihre spirituelle Übung durchzuführen. Sie sagen, daß die Dschinn ihnen hier helfen, ihre Probleme zu lösen.

Ihr Europäer versucht, Träume als eine Äußerung des Unbewußten zu erklären, doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Für uns ist der Traum die Realität, er bietet uns Orientierung, denn er Einzelne ist allein. Im Traum helfen uns die Geister, den richtigen Weg zu finden. Es mag sein, daß Träume aus dem Unterbewußten kommen, aber für uns sind es die Dschinn, die uns im Traum etwas zuflüstern. Auch dein Traum wurde Dir von einem Dschinn geschickt!


Jetzt lachten wir gemeinsam.

Die Weißen halten die Afrikaner für abergläubisch, aber gehören in Europa Horroskope nicht zu den meistgelesenen Schriftstücken? fragte er uns. Doch es gibt einen Unterschied: Die Hellseher und Tarotkartenleger, die den Milliardären an der Cöte d′Azur die Zukunft vorhersagen, erscheinen in Anzug und Krawatte, während unsere Zauberer in zerlumpten Boubous daher kommen. Sie verwenden Pflanzen, Krokodilhäute, die Felle weißer Mäuse und das Blut schwarzer Ziegen. Sie ziehen sich in heilige Haine zurück, um ihre Kunst zu üben. Sie werfen Kaurimuscheln oder lesen die Zukunft aus Zeichen im Staub heraus.

Wollt ihr einen Sandleser kennenlernen?
fragte er dann. Er ist ganz in der Nähe, in fünf Minuten sind wir da. Er wartete unsere Antwort nicht ab, sondern eilte mit schnellen Schritten voraus.

Ich glaube an unsere Zeichenleser und Kaurimuschelwerfer, denn sie lassen uns nicht im alleine, fuhr er dann fort. Eure Gesellschaft wird von Individuen vorangetrieben, in unserer dagegen ist das Individuum nur ein Glied in einer großen Kette.

Er streckte die Hand aus.Schaut euch diese fünf Finger an! Keiner ähnelt dem anderen: Der eine Finger ist dick, der andere schlank, der eine kurz, der andere lang- aber man braucht alle fünf Finger, damit die Hand etwas ergreifen kann. So ist das Leben! Es bringt mich immer wieder zum Lachen, daß ihr Europäer in den Weltraum fliegt, aber wenn ein Hurrikane kommt, ergreifen alle die Flucht. Ihr könnt nicht einmal die Kräfte des Wassers und des Feuers bändigen, was also sucht ihr da oben?

Über Steine und Mörtel kletterten wir in den ersten Stock eines Rohbaus. Vor einem Haufen Sand, der auf dem Balkon als Baumaterial geschüttet worden war, ließ er uns stehen, um nach einigen Minuten zusammen mir einem etwa vierzigjährigem Mann zurückzukommen.

Das ist Seidu Coulibaly, stellte er ihn vor. Er wird Euch zeigen, wie die Deuter der Sandzeichen vorgehen.

Er sagte etwas auf Bambara zu ihm, der Mann nickte lächelnd. Er beugte sich nieder, schob etwas Sand zusammen und glättete den Haufen mit seinen Handflächen. Dann zeichnete er mit raschen Bewegungen seines Zeige- und Mittelfinger Linien in die Oberfläche, die er aufmerksam betrachtete.

Er prüft, welche Gestalt sie haben, erklärte uns Dr. Saimaga. Schaut, wie er das macht.

Der glatzköpfige Mann murmelte einige Worte, dann machte er sich eine Notiz im Sand. Anschließend verwischte er die Linien. Er wiederholte die Prozedur, über jedem neuen Muster setzte er ein Zeichen. Das sind die Namen der Propheten, denen die einzelnen Muster unterstellt sind, erläuterte unser Gastgeber.

Siebenmal wiederholte der Mann den Prozess, dann beugt er sich über das im Sand notierte Ergebnis und sann lange nach. Es schienen umständliche Kalkulationen nötig zu sein, bevor er das Ergebnis verkünden konnte...


TRÄUMENDE COMPUTER

Als ich später nach einer Erklärung für die Prophezeihung suchte, die Seidu Coulibaly auf dem Balkon einer Baustelle in Bamako gemacht hatte, erfuhr ich, daß die Kunst, die Zukunft aus den flüchtigen Spuren zu lesen, die die Finger eines kundigen Wahrsagers im Sand hinterlassen, auf arabisch Ilm al-raml genannt wird, das Wissen vom Sand. In Westafrika ist sie seit vielen Jahrhunderten in Gebrauch, aber Außenstehenden wurden die Prinzipien, nach den sich die Orakelleser richten, nie offenbart.

Im Westen wurden sie zum ersten Mal durch den Ethno-Mathematiker Ron Eglash bekannt. Die Wahrsager, die er in Dakar traf, waren fast alle mir körperlichen Mißbildungen behaftet, berichtet er in seinem Buch African Fractals - "der Preis den sie für ihre ungewöhnlichen Fähigkeiten bezahlen mußten". Einer von ihnen willigte ein ihn zu unterrichten, aber als er ihn bat, die Formeln zu erklären, mir denen er die Zeichen deutete, die er nach dem Zufallsprinzip mit seinen Fingern in den Sand schrieb, schüttelte der Mann den Kopf: Das ist geheim! Auch das Angebot einer Erhöhung des vereinbarten Lehrgeldes stieß auf taube Ohren. Als er ihm dann in einem amerikanischen Lehrbuch eine Abbildung des Cantor Set zeigt, geriet der Mann in helle Aufregung.

Der deutsche Mathematiker Georg Cantor, der an einer Geisteskrankheit litt und 1918 starb, war ein mathematisches Genie, das mit transfiniten Zahlen die Unendlichkeit zu berechnen versuchte. Er behauptete, seine Aussagen seien ihm von Gott übermittelt worden; als man versuchte sie zu widerlegen, verfiel er in Depressionen. Mit der sogenannten Cantor-Menge, auch Cantor-Staub oder Wischmenge genannt, legte er die Grundlage für die Formeln, die Benoit Mandelbrot später als Fraktale bezeichnete. Der Cantor-Set, der als das älteste Fraktal gilt, ähnelt auf verblüffende Weise den Zeichnungen westafrikanischer Sandleser. Der Wahrsager war von dem Wissen des amerikanischen Mathematikers beeindruckt und erkannte in ihm einen Kollegen.

Zeigt ihm, was er möchte! wies er seine Gehilfen an.

Bei den anschließenden Demonstrationen wurde Eglash klar, daß die -des Lesens und Schreibens unkundigen- afrikanischen Wahrsager fraktale Formeln verwenden, die Benoit Mandelbrot, der die Arbeit Cantors fortsetzte, erst 1977 publiziert hatte. Genau wie Mandelbrots Fraktale folgen sie dem Prinzip der Widerholung selbstähnlicher Prozesse- mit einer ebenso genialen wie eleganten Formel- bei der sich aus vier zufällig im Sand entstehenden Zeichen durch das immer wieder wiederholte Einsetzen des Ergebnisses als Ausgangspunkt der nächsten Kalkulation jedes weitere Ergebnis selbst generiert.

Computer machten es möglich diesen Prosess immer weiter fortzusetzen, wobei sichtbar wurde, daß Fraktale auch in der Natur existieren- etwa beim Bau von Bäumen oder dem des Romanesco genannten grünen Blumenkohls. Der Kohl selbst besteht aus, wie jedes seiner Segmente, aus verkleinerten Kopien seiner selbst, was von Mathematikern als Selbstähnlichkeit bezeichnet wird. Beobachten kann man dieses Prinzip auch im sich kräuselnden Rauch von Räucherstäbchen, bei der Vermischung von Flüssigkeiten und im Verlauf fließendes Sandes. Im Falle eines mathematischen Fraktals ist die Länge tatsächlich unbegrenzt, weil die Anzahl der möglichen Wiederholungen unbegrenzt ist.

Peter Pannke (aus dem Buch Magic Mali)

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