Feb 11

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Kritik zur CD "Tambin"

Dr. Rainer Polak (Bayreuth)

CD-Besprechung:

Tambin - Die Flöte der Peul aus Guinea

(benkadi fòli serie I. Traditionelle Musik Vol. 6)

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Die meisten Europäer denken beim Stichwort "afrikanische Musik" zuerst an Trommeln. Vielleicht auch an Kora, Balafon, Gitarre oder Kalimba. Aber Flöten? Ja, Flöten. Die Musik der Gasba, einer in Algerien und Marokko verbreiteten Flöte aus Rosenholz, zählt zu den Vorläufern des Rai, wie etwa auf einigen Platten der Sängerin Cheikha Rimitti zu hören ist. In Südafrika entstand in den 1950er Jahren der auf Penny-Whistles gespielte Kwela-Jive, inspiriert von den Jazz-Solisten der Bigband-Ära. Und dann war da noch diese Flöte aus Westafrika mit den markanten Vokalisen, die man immer wieder einmal in einer Filmmusik oder Weltmusikproduktion aus Westafrika zu hören bekommt, von Oumou Sangere oder Mory Kante beispielsweise.

Wir wissen wenig über unseren Nachbarkontinent Afrika. Ein altes Lamento, wird mancher denken. Es trifft leider immer noch zu. Wir wissen wenig von der großen Vielfalt an traditionellen Musikformen und ebenso wenig von den zeitgenössischen Popmusikformen der afrikanischen Großstädte. Das, was als Weltmusik bei uns ankommt, bildet nur einen kleinen Ausschnitt ab, der zudem noch durch die gnadenlosen Filter der Afrika-Bilder und Vermarktungsmöglichkeiten passen muss oder passend gemacht werden muss. Bewundernswert, wie einige kleine Plattenlabels da versuchen, das musikalische Bild Afrikas realistischer zu gestalten. Ich denke an Jay Rutledge (Outhere Records, München), der uns mit den aktuellen elektronischen Tanzmusikstilen der urbanen Jugend Afrikas versorgt, und an Edda Brandes (Benkadi, Berlin), die uns Aufnahmen wenig bekannter traditioneller Musikformen aus ländlichen Gebieten zur Verfügung stellt. Eine neue Benkadi-Produktion ist hier zu besprechen, nämlich die sechste CD der Serie Traditionelle Musik.

Jetzt also eine ganze CD mit Flötenmusik der Peul aus Guinea. Die Peul (auch Fulbe oder Fulani genannt) sind eine in sich recht vielfältige ethnische Gruppe, die sich auf Rinderzucht spezialisiert hat und weit verstreut zwischen Senegal und Kamerun im Sahel- und Sudangürtel südlich der Sahara lebt. Die hier dokumentierte Musiktradition ist jene der Peul aus Guinea, genauer gesagt aus dem Gebirge Fouta Djallon im Norden Guineas. Die Flöte namens Tambin ist dort zum einen ein Instrument der Hirten, die zu Fuß ihren Tieren folgen und auf den einsamen Märschen gerne ein leichtes Instrument dabei haben. Die Tambin ist aber auch ein Instrument der Griots der Peul, wird also auf Familienfesten und zu anderen feierlichen Anlässen in den Dörfern und Städten gespielt. In diesem Rahmen spielen die Flötisten, meist in Begleitung von Perkussionisten, zum Tanz auf.

Das Tambin weist drei Löcher auf. Durch Überblasen lässt sich eine diatonische Tonleiter erzielen. Der Begleittext im CD-Booklet betont die Feinheit des Holzes, die es ermöglicht, "dem Instrument selbst bei großer Lautstärke Oktavsprünge, Triller und große Klangvariationen zu entlocken" (Seite 4). Ebenso entscheidend für die virtuos klingende Flötenmusik ist aber wohl die ausgefeilte Spieltechnik der Instrumentalisten. Besonders spektakulär klingen die häufig eingesetzten Vokalisen, wenn der Flötist in sein Instrument gleichzeitig bläst und singt (bzw. spricht, summt oder shoutet).

Die CD umfasst 13 Stücke mit einer großzügigen Gesamtspielzeit von über 73 Minuten. Der Höreindruck ist homogen: Die einzelnen Stücke bringen verschiedene Melodien und Rhythmen vor, alle zusammen sind jedoch stilistisch aus einem Guss, was Instrumentierung und Klangbild, musikalisches System und Spielweise betrifft. Es finden sich vier Solostücke zweier erfahrener Flötisten (Djiguiba Bary und Mamadou Sow) sowie Duette, Trios und Quartette, in den die Meister von weiteren Flötisten bzw. einem Sänger und Percussionisten begleitet werden. Die Percussion beschränkt sich auf ein schlicht und effizient begleitendes Paar Rasseln.

Die Aufnahmen wurden mit urbanen Berufsmusikern in einem Tonstudio in Bamako gemacht, der Hauptstadt Malis. Die Musiker und ihre Tradition stammen allerdings aus Guinea, dem südlichen Nachbarstaat Malis. Organisiert hat die Aufnahmen der junge, zuletzt äußerst umtriebige deutsche Bläser Hannes Kies, der auch selbst mitspielt. Der Klang ist sehr gut, das ist der Vorteil eines modernen Studio-Settings. Spannend wäre es, der vorliegenden Studio-Produktion traditionelle Tambin-Feldaufnahmen aus dem ländlichen Guinea gegenüberstellen zu können.

Die vorherigen CDs der Benkadi-Serie Traditionelle Musik (Vol 1-5) wurden jeweils in Dörfern aufgenommen mit der Vorgabe, es den Dörflern selbst zu überlassen, welche Genres zu dokumentieren seien, in welcher Instrumentierung, Ensembleaufstellung usw. Eine weiterer Unterschied: Das Begleitheft der vorliegenden CD ist nur etwa halb so umfangreich wie bei den früheren Benkadi-Produktionen. Einige Käufer werden womöglich die wunderschönen Fotos oder die sehr ausführlichen Angaben zu den Musikern, ihrer Herkunftsregion und zu den einzelnen Stücken vermissen, welche die ersten Produktionen der Reihe Traditionelle Musik auszeichneten. Mich hätte zum Beispiel interessiert, aus dem Holz welchen Baumes die Tambin gebaut wird oder ob es sich nicht vielleicht doch eher um ein Bambus-ähnliches Gewächs handelt; ob es markante Unterschiede zur Spielweise anderer Querflöten gibt; ob Bezüge zum heptatonischen Tonsystem und zur Melodik der benachbarten Malinké bestehen (die meisten Tonsysteme der Großregion sind ja pentatonisch) Dick ist das Booklet trotzdem, denn der Begleittext ist doch immerhin drei Seiten lang und liegt dreisprachig vor: auf Deutsch, Englisch und Französisch.

Die vorliegende CD verfolgt nicht den klassischen Ansatz musikethnologischer Dokumentationsreihen: Feldaufnahmen akademischer Forschungs- bzw. musealer Dokumentationsprojekte vorzustellen und großzügig zu kontextualisieren. Das tut der Produktion aber keinen Abbruch: Die präsentierte Musik an sich ist wunderschön und sehr gut aufgenommen. Auch sind die drei Seiten Begleittext durchaus informativ. Eine vergleichbare Dokumentation der Tambin-Flötenmusik war zuvor nicht erhältlich. So wäre es eine schlechte Alternative, darauf warten zu müssen, bis endlich ein Musikethnologe loszieht und die Tambin erforscht. Da lohnt es sich, die Kooperation zu wagen und den großen Elan eines Musikers wie Hannes Kies, der zur eigenen Weiterbildung und für musikalische Begegnungsprojekte Reisen unternimmt, auch für eine ethnographische CD-Reihe zu nutzen.

Empfehlenswert für alle, die sich für traditionelle Musik aus Afrika oder allgemein für die Musik von Flöten interessieren

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